Benjamin Zander über eine neue Dimension von Führung und den Umgang mit Fehlern
Im November 2004 war ich für vier Tage auf einer Coaching-Konferenz in Quebec, Kanada. Einer der Vorträge dort, die mich am meisten berührt haben, war der von Benjamin Zander, dem Dirigenten der Boston Philharmoniker. Was macht ein Dirigent auf einem Coachingkongress? Benjamin Zander wurde als Sprecher eingeladen, da er in seiner täglichen Arbeit das lebt, was wir als Coaches im Leben unserer Klienten und Klientinnen (und in unserem eigenen) möglich machen wollen. In seinen Worten möchte er „the art of possibility" lehren (dt. „Die Kunst der Möglichkeiten" oder auch Die Kunst des Möglichen").
Seine Aufgabe als Lehrender (gegenüber seinen Schülern) und damit als „Leader" (Führender - gegenüber seinem Orchester) versteht Benjamin Zander in der Eröffnung immer neuer Möglichkeiten und der Erschließung neuer Kategorien für Beobachtbares. Er tut dies, indem er seinen Schülern und Mitarbeitern die Angst davor nimmt, Fehler zu machen.
In seinen Augen ist die Angst vor dem eigenen Versagen das größte Hindernis beim Lernen. Denn Lernen wird möglich durch das Ausprobieren neuer Wege; das Aufnehmen unbekannter Informationen, die erst dann gewonnen werden können, wenn das Wagnis eingegangen wird, das gewünschte Ergebnis zu verfehlen.
In seinen Meisterklassen löst Benjamin Zander das Problem der Angst vorm Versagen auf kreative Weise: Er gibt jedem seiner Schüler am Anfang des Semesters die Note 1. Als Bedingung erwartet er lediglich, einen Brief, in welchem die Studierenden sich in „die Zukunft" versetzen und ihre Entwicklung aus der Perspektive in einem Jahr beschreiben sollen.
In diesem Brief erläutern die Studierenden, was sie im vergangenen Jahr getan und was sie gelernt haben, dass zu ihrer sehr guten Leistung geführt hat. Die gute Note am Ende des Jahres ist ihnen sicher, aber die Angst vor dem Versagen muss ab jetzt nicht mehr ihre Handlungen bestimmen. Hierdurch schafft Benjamin Zander ein Klima, in dem der Glaube an die eigenen Möglichkeiten wie ein Wunder wirken kann. Durch das Niederschreiben der konkreten Handlungsweisen erhöht er gleichzeitig das Commitment, mit dem sich die Studierenden der Zielerreichung verschreiben. Denn wer die Aufgabe ernst nimmt, hat sich selbst die perfekte Straßenkarte für das eigene Fortkommen gezeichnet. Wichtig ist hierbei, dass nicht er als Führender definiert, wie die Schritte dorthin auszusehen haben oder welche Leistung die Studierenden genau zeigen sollen, sondern dass er es jeder Person selbst überlässt zu entscheiden, was möglich und denkbar ist. Benjamin Zander umschreibt es mit eigenen Worten so: „You give people a possibility to live into not an expectation to live up to" (dt. „Du gibst Menschen eine Möglichkeit, in die sie hineinwachsen können, nicht eine Erwartung, die sie erfüllen müssen").
Um die Angst vor Fehlern weiter zu reduzieren, macht er seine Studierenden mit einer gänzlich unbekannten Kultur bekannt: Jeden Fehler zelebriert er als Chance für neues Lernen, indem er die Studierenden lehrt (wenn sie sich selbst beim Fehlermachen beobachtet haben) auszurufen „wie interessant!". Man kann sich unschwer vorstellen, wie signifikant sich die Atmosphäre seiner Unterrichts- und Probenstunden unterscheidet von dem, was die meisten von uns kennen.
Als Schlüssel zum Potenzial bei sich und bei anderen sieht er außerdem die wichtige Regel Nr. 6
Die Regel Nr. 6 lautet: „Nimm dich selbst nicht so verdammt ernst!". Die Kombination aus Vertrauen in das Vermögen der Menschen, mit denen er arbeitet, der Verantwortung für die eigene Entwicklung, die er in ihre Hände legt, der Neugierde, mit der er Fehler als potenzielle Chancen betrachtet und nicht zuletzt dem Humor, mit dem er sich und die Welt bedenkt - all das öffnet die Tür für Entwicklung und damit Wachstum.
Wenn wir uns selbst als "Leader" unseres eigenen Lebens betrachten - was bedeutet diese Herangehensweise für unseren Alltag? Sind wir die Leader, die wir sein könnten und erkennen wir das Potenzial als zu Führende, das wir in uns tragen? Geben Sie sich für das kommende Jahr selbst die Bestnote und beschenken Sie sich mit dem Vertrauen, dass Sie diese verdient haben werden. Schreiben Sie auf, was Sie hierfür (rückblickend) getan haben werden. Staunen Sie über Ihre Fehler. Und nehmen Sie sich nicht so ernst! Die wenigsten unserer Entscheidungen haben Konsequenzen, die nicht korrigierbar sind.
(Verfasser unbekannt)